Die Historie

An dieser Stelle möchten wir kurz über die Historie und Geschichte der Firma GLASFLÜGEL Segelflugzeugbau informieren. Ein umfassenderes Nachschlagewerk bietet das Glasflügel Buch, welches inzwischen in einer zweiten Auflage erschienen ist.

H-30 GfK

Eugen Hänle

Eugen Hänle wurde am 05. Oktober 1924 in Ellwangen geboren. Während des Krieges wurde er zum Flugzeugführer ausgebildet und flog in den letzten Kriegsjahren noch einige Starts auf der Me 109.

An der Hochschule in Esslingen studierte Hänle Maschinenbau und schloss dieses als Diplom-Ingenieur ab. Seine Leidenschaft war der Segelflug und so war er nach der Wiederzulassung des Segelfluges in Deutschland als Werkstattleiter im Flugverein Untertürkheim maßgeblich am Bau von mehreren Hütter 17b beteiligt. Durch seinen Wunsch selber eine Hütter H-30 zu besitzen kam er in Kontakt mit den Gebrüdern Hütter, die eigene Konstruktionen zu Papier und in die Luft gebracht haben.

Die H-30 GFK © Karl Pfister.

In verschiedenen Werkstätten und zu Hause im Wohnzimmer baute Hänle zusammen mit seiner Ehefrau Ursula eine H-30 in GFK-Balsa-Bauweise. Diese gilt u.a. als Grundlage für den später von Ursula Hänle nach der Trennung in ihrem eigenen Betrieb der start+flug GmbH in Saulgau gebauten Salto.

H-301 „Rennlibelle“

Der schweizer Segelflieger Eugen Aeberli ließ von Wolfgang Hütter auf der Basis der H-30 GFK die spätere H-301 „Klappenlibelle“ konstruieren. Aeberli und Hütter suchten eine Firma, die dieses Flugzeug herstellt und wurden bei Eugen Hänle fündig. Dieser baute nach Überarbeitung der Pläne von Hütter und Aeberli sein erstes GFK Flugzeug.

3-Seiten-Ansicht, Glasflügel Libelle („Rennlibelle“)

Diese flog lange Zeit noch in der Schweiz als HB-742, und ist auf den nachfolgenden Bildern zu sehen. Insgesamt 108 „Rennlibellen“ werden gebaut, die letzte im Mai 1969.

Parallel zur Fertigung der H-301 baute Hänle eine große Werkhalle in Schlattstall.

Das „H“ bei den Glasflügel-Typenbezeichnungen steht übrigens nicht, wie häufig angenommen, für „Hänle“ sondern für „Hütter“. Nur Flugzeuge mit „Hütter-Profil“ tragen die Bezeichnung „H“, wie bei der „H-301 Rennlibelle“. Die später entwickelte Standard Libelle z.B. verwendet ein Wortmann-Profil, und heißt daher nicht, wie fälschlicherweise oft angenommen „H-201“, sondern nur „201“.

Glasflügel BS-1

Nachdem Björn Stender, Konstrukteur und Erbauer der ersten BS-1 mit dieser 1963 auf der Hahnweide abgestürzt war, suchten Wettbewerbspiloten der damaligen offenen Klasse einen Hersteller, der dieses Flugzeug bauen sollte.

Glasflügel BS-1b, 3-Seiten-Ansicht

Eugen Hänle konnte dafür gewonnen werden. 1966 war der von Huldreich Müller durchgeführte Erstflug der Glasflügel BS-1. 18 Maschinen wurden bei Glasflügel gebaut. Neben der mit Björn Stender abgestürzten Maschine gibt es noch eine weitere, von Stender gebaute, so dass die Gesamtstückzahl bei insgesamt 20 Exemplaren dieses Typs liegt.

Standard Libelle 201

Von 1972 bis 1973 errichtete Eugen Hänle in Saulgau eine Montage und Auslieferungshalle. Dort wurden ab 1973 die in Schlattstall gebauten Rohbauten lackiert, eingeflogen und ausgeliefert. Hierfür wurde von Hänle eine Asphaltbahn gebaut um auch im Winter die fertigen Flugzeuge einfliegen zu können.

Glasflügel Standard Libelle 201, 3-Seiten-Ansicht

Aus der H-301 wurde die Standard Libelle 201 und 201 B entwickelt, die zu einem der am meisten gebauten Segelflugzeuge werden sollte. Sie ist aus heutiger Sicht das erfolgreichste Segelflugzeug von Glasflügel.

Std. Libellen 201 bereit zur Auslieferung in Saulgau © Josef Prasser
Auslieferung der 500. Standard Libelle in Saulgau © Albert Metzler

Sogar Neil Armstrong, der erste Mensch auf dem Mond und ebenfalls ein leidenschaftlicher Segelflieger, besaß und flog eine Standard Libelle 201.

Neil Armstrong in seiner Std. Libelle 201b „Eagle II“

Auch heute ist die Standard Libelle noch ein beliebtes Segelflugzeug, welches sich bei Club-Klasse Wettbewerben und Meisterschaften großer Beliebtheit erfreut. Vor allem die Möglichkeit, die Libelle um Winglets und Flächen-Rumpf-Übergänge zu modifizieren, holt den ein oder anderen Gleitpunkt mehr heraus und verbessert ihre Flugeigenschaften immens.

Standard Libellen in diversen Konfigurationen, hier 2012 am Flugplatz Iserlohn-Rheinermark
© 2012 Philipp Kretschmann

Von 1970 bis 1974 wurden mehrere Weiterentwicklungen der Standard Libelle 201 von der 202 bis 204 gebaut, die es jedoch alle als Prototypen bzw. Einzelstücke nicht zur Serienreife gebracht haben.

Std. Libelle 202, ein Einzelstück

H-101 Salto

Bereits 1970 wurde von Ursula Hänle mit ihrer eigenen Firma start+flug GmbH ebenfalls ein Werk in Saulgau errichtet. Der „Salto“ basiert auf der Flügelform der Standard Libelle 201. Lediglich die Spannweite wurde innen gekürzt, so dass 13,5m Spannweite entstanden. Die Berechnung für den Salto führte Johannes Renner durch. Charakteristisch für den Salto ist auch das V-Leitwerk anstelle eines Kreuzleitwerks wie bei den Libellen.

Salto H-101, 3-Seiten-Ansicht

Den Rumpf mit Steuerung entwickelte Ursula Hänle noch in Schlattstall in Anlehnung an die H-30 GFK von Hütter und Hänle. Den Erstflug mit den Salto machte Huldreich Müller, die Flugerprobung führte Johannes Renner für die Normalflugzulassung durch. Helmut Lauerson (DLR) war für die Akrobatik-Flugerprobung des Salto zuständig. Er wurde auch Deutscher Meister mit dem Salto bei der Deutschen Kunstflugmeisterschaft in Saulgau. Die erste Serienmaschine des Salto wurde bereits in Saulgau hergestellt.

Kestrel 401

Glasflügel 401 „Kestrel“, 3-Seiten-Ansicht

Zwischen 1968 und 1975 ist der für die damalige Zeit revolutionär anmutende Glasflügel 401 Kestrel mit 17m Spannweite entstanden und gebaut worden. Technische Finessen, wie die gegenseitige Überlagerung von Querruder und Wölbklappen, sowie die Form, machen den Kestrel auch heute noch nach fast 50 Jahren zu einem harmonischen und schönen Flugzeug. Zum ersten Mal bei Glasflügel ist in der Kestrel der von Josef Prasser entwickelte Parallelogramm-Knüppel mit der Schnelltrimmung verwirklicht. 129 Glasflügel Kestrel wurden gebaut.

Die Firma Slingsby aus Großbritannien kaufte damals eine Lizenz von Glasflügel, den Kestrel in einer 19m-Version weiterbauen zu dürfen. Diese Flugzeuge sind als Slingsby T.59 Kestrel bekannt, sehen aber weitestgehend dem Original sehr ähnlich. Von der T.59 gab es auch verschiedene Ausführung und Modifikationen, die Spannweiten bis zu 22m besaßen (T.59H). Insgesamt 102 Slingsby T.59 wurden in Lizenz gefertigt.

Glasflügel 604

3-Seiten-Ansicht, Glasflügel 604

Aus dem Kestrel entstand in einer Bauzeit von nur wenigen Monaten das Flaggschiff von Glasflügel, die Glasflügel 604. Mit 22m Spannweite und einem Leergewicht von 440kp wurde das Flugzeug für Walter Neubert für die WM 1970 in Marfa gebaut. Neubert wurde Sechster, obwohl er einen Wertungstag wegen einer Außenlandung, bei der er für einen Tag als verschollen galt, versäumt hatte.

Club Libelle 205

3-Seiten-Ansicht, Glasflügel 205 „Club Libelle“

Im Jahr 1974 wurde die Club-Libelle 205 vorgestellt und von Johannes Renner eingeflogen. Diese mit Komponenten der Std. Libelle, hatte aber ein gänzlich anderes Erscheinungsbild. Nicht nur der Rumpf und das Cockpit unterschieden sich von der Standard Libelle 201. Neu waren die durchgehenden Endkanten–Drehklappen, die sich dann zwar bei dem Folgemodell der Hornet 206 wiederfanden, aber sich im Flugzeugbau aus verschiedenen Gründen nicht durchsetzen konnte. 171 Exemplare der Club-Libelle wurden ausgeliefert, die letzte Anfang 1976.

Hornet 206

Ende Dezember 1974 startete Albert Metzler der aus den Erkenntnissen der Standard Libelle 203 und 204 entwickelten Hornet 206 in Saulgau zu ihrem Jungfernflug.

3-Seiten-Ansicht, Glasflügel 206 „Hornet“

Am Wochenende des 20./21 Septembers 1975 wurden die ersten zwei der dann mit 101 Stück gebauten Hornet ausgeliefert. Dieses Wochenende war der Beginn des Endes für die Firma Glasflügel und tragisch für den Segelflugzeugbau in Deutschland: Eugen Hänle kam am Sonntag, 21.09.1975, bei einem Rundflug mit seiner Jodel ums Leben.

Die Firma Glasflügel firmierte danach als Holighaus & Hillenbrand GmbH + Co KG und später noch als Deutsch-Brasilianische Flugzeug- und Fahrzeugbau GmbH bis zur vollständigen Auflösung im Jahre 1982 weiter. Dabei wurde noch die Mosquito, ein 15m-Klasse Flugzeug auf Grundlage der Hornet entwickelt und gebaut.

Mosquito 303

Glasflügel 303 „Mosquito“, 3-Seiten-Ansicht

Die Entwicklung der Mosquito 303 war für Eugen Hänle eine Herzensangelegenheit und letztlich die Geburtsstunde der 15m-Rennklasse. Nach dem Erstflug, den Josef Prasser am 20. Februar 1976 auf der Hahnweide machte, wurden von 1976 bis 1980 noch 199 Stück gebaut. Die Flügel der Mosquito wurden auch beim Mini-Nimbus von Schempp-Hirth verwendet.

Glasflügel 304

Die Glasflügel 304 wurde unter der Deutsch-Brasilianischen Flugzeug- und Fahrzeugbau in 62 Exemplaren gebaut und später noch etwa 10 Exemplare als 304 B von Georg Brauchle. Eine als Glasflügel 402 bezeichnete Weiterentwicklung mit 17m blieb leider ein Einzelstück.

Glasflügel 304, 3-Seiten-Ansicht

Die Glasflügel 304 war aufgrund ihrer tollen Eigenschaften und guten Leistungen sehr begehrt. Erst ab 1995 war sie als 304 CZ wieder erhältlich, nachdem Jaroslav Potmesil von HpH Sailplanes eine Neuauflage in der herausragenden „Glasflügel-Qualität“ anbieten konnte.

Falcon

Nach dem Konkurs der Firma Glasflügel übernahm Hansjörg Streifeneder, in Zeiten von Eugen Hänle Betriebsleiter des Werkes in Saulgau, die Betreuung der Glasflügel–Flugzeuge. Noch in den Glasflügelräumen baute er in 7 Monaten seinen Falcon, das ausweißlich der Vermessungen damals beste Flugzeug der Standard Klasse.

Glasflügel Falcon, 3-Seiten-Ansicht

1982 gründete er die Glasfaser-Flugzeug-Service GmbH und ab 1985 mit Sitz in Grabenstetten. Er ist heute zusammen mit seinem Sohn Christian Anlaufstelle für alle Besitzer von Glasflügel-Flugzeugen, wenn es darum geht Fragen zur Musterbetreuung zu klären. Neulackierungen, Service- und Reparaturarbeiten an Glasflügel- und Flugzeugen anderer Hersteller zählt zu ihren Leistungen, genauso wie der Formenbau für andere Flugzeughersteller oder die Luftfahrt- und Automobilindustrie.

Stückzahlen

Nachfolgend eine Tabelle der Muster und Stückzahlen der von Glasflügel gebauten Segelflugzeuge, mit 1405 insgesamt eine beachtliche Summe.

BezeichnungJahrStückzahl
H-30 GFK19621
H-301 Libelle1965 bis 1969108
Glasflügel BS-11966 bis 196818
Standard Libelle 2011967 bis 1974600
Kestrel 4011968 bis 1975129
Glasflügel 6041970 bis 197310
Standard Libelle 20219701
Standard Libelle 20319722
Standard Libelle 20419731
Club Libelle 2051973 bis 1976171
Hornet 2061975 bis 197989
Hornet C1979 bis 198012
Mosquito 3031976 bis 1980199
Glasflügel 3041980 bis 198262
Glasflügel 40219811
Falcon19811